Vorsichtiges Tasten...

Können Sie sich das vorstellen? 1738 – Sie betreten eines der großen Musikkontore in Amsterdam oder vielleicht in Hamburg. Sie fragen den Verleger nach neu erschienener "Klaviermusik", doch der versteht nur "Clavier" und das bedeutet seinerzeit nichts mehr als Musik "für Tasten".

Das ist heute schwer nachzuvollziehen, denn wir haben bei dem Wort "Klavier" sofort die Assoziation sowohl einer "genormten" Instrumentenbauform wie auch eines spezifischen Klangs. Über die Art der Tonerzeugung und des Klanges sagt "...für Clavier" aber noch überhaupt nichts.

Doch die hundert Jahre etwa von 1720 bis 1820 waren die großen Zeiten des Umbruchs, nicht nur politisch, sondern auch auf dem Gebiet des Instrumentenbaus – vor allem was die Entwicklung der Tasteninstrumente anbelangt. Das Spektrum reichte vom zarten, intimen "Beben" des Clavichords über das klirrend klare Cembalo, den ersten heiseren Tangentenflügeln bis zum glockenartigen, dynamischen Klang des Hammerklaviers – oder besser gesagt des Fortepiano, denn inzwischen hatte man sich längst dem empfindsamen Stil verschrieben, der in der Musikwiedergabe feinste dynamische Abstufungen erforderte.

Lange Zeit hat die Alte-Musik-Bewegung unserer Tage dieses Phänomen nur am Rande berührt; etwas pointiert ausgedrückt: Alte Klaviermusik gehörte auf das Cembalo, äußerstenfalls auf das kaum brauchbare, weil nahezu unhörbare Clavichord. Ansonsten war das Klavier oder der Flügel das Universalinstrument. Erst allmählich erobert sich die seinerzeitige fast verlorene Klang-Vielfalt den ihr gebührenden Platz bei Konzerten und CD-Einspielungen zurück.

Dabei stehen Künstler wie Produzenten vor einem besonderen Problem: Während den Musikverständigen im 18. Jahrhundert anhand der Faktur eines Stückes sofort klar war, für welches Tasteninstrument die Komposition gedacht war, muß man dies heute mehr oder minder mühsam anhand alter musiktheoretischer Literatur und aufwendigen Instrumentenforschungen erst wieder zu ergründen suchen.

Doch die Mühe lohnt sich. Wer einmal Beethovens doch scheinbar so vertraute Klaviersonaten in der Einspielung von Malcolm Bilson und seinen Mitstreiter/innen auf dem Hammerklavier gehört hat, wird überrascht sein, welch andere, aufregende Facetten diese Musik plötzlich gewinnt. Auch in den Klavierwerken Mozarts gewinnt so manche Verzierung oder musikalische Form eine ganz neue Bedeutung, wenn man dem Vortrag Ronald Brautigams auf einem Hammerklavier mit seiner "langsamen" Mechanik lauscht, die sportive Tempobolzerei von vornherein verbietet.

Und Miklós Spanyi zeichnet mit seiner wohlbedachten Auswahl verschiedener Instrumente für die Interpretation der "Clavierwerke" von Carl Philipp Emanuel Bach den kompositorischen Lebensweg des Meisters nach, der ganz entscheidend die Entwicklung des modernen Klavierspiels eingeleitet hat.

Musik für Tasteninstrumente: Dies ist ein spannender Bereich innerhalb der Alten Musik, der viele Überraschungen für neugierige Hörer und Hörerinnen bereithält.

A. Rainer

Auswahldiscographie

Carl Philipp Emanuel Bach
Sämtliche Werke für Tasteninstrumente
Miklós Spányi

Die Klavierkonzerte
Vol. 1-Vol. 9
BIS 707, 708, 767, 768, 785, 786, 857, 867, 868

Die Werke für Klavier solo
Vol. 1-Vol. 5
BIS 878, 879, 882, 963, 964

Ludwig van Beethoven
Sämtliche Klaviersonaten
Malcolm Bilson u.a.
Claves 509707 (10 CD)

Joseph Haydn
Sämtliche Klaviersonaten
Vol. 1-Vol. 4
Ronald Brautigam
BIS 992, 993, 994, 1093

Wolfgang Amadeus Mozart
Sämtliche Werke für Klavier solo
Vol. 1-Vol. 10
Ronald Brautigam

Die Sonaten: BIS 835, 836, 837, 838, 839, 840

Sonstige Werke: BIS 894, 895, 896, 897

Wolfgang Amadeus Mozart
Die  Klaviersonaten
Vol. 1-Vol. 3
Malcolm Bilson
Hungaroton 31009, 31011, 31013 (jeweils 2 CD)

Franz Schubert
Die Klaviersonaten
Vol. 1-Vol. 5
Malcolm Bilson
Hungaroton 31586, 31587, 31588, 31589, 31590

im Vertrieb von
Klassik Center Kassel

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Stand: 3. Mai 2006