...rehabilitiert!

Mit atemberaubender Präzision reiht sich Einspielung an Einspielung zu einer Serie von klug disponierten und brillant ausgeführten Komponistenportraits, mit denen sich das international erstrangig besetzte Ensemble Villa Musica innerhalb kürzester Zeit einen absoluten Spitzenplatz in der Kammermusikszene eroberte - und dabei auch manch einen "entarteten" Künstler auf höchstem Niveau...

Die aktuelle CD ist eine Wiederentdeckung, ohne die das Bild der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts unvollständig bliebe: Überbordend phantasievolle Ersteinspielungen von einem Komponisten, der seinen Weg zwischen Ravel und Milhaud, zwischen Jazz und Avantgarde fand.

Leo Smit ist ein hochbegabter Komponist, der in Amsterdam und Paris die ersten Sprossen einer steilen Karriereleiter bestieg und dessen Leben ein jähes Ende in Theresienstadt fand. Als Sohn portugiesisch-jüdischer Eltern geboren, trug Smit alle Anlagen zu einem künstlerisch-produktiven Dasein in sich: höchste Sensibilität und Ausdruckskraft. Nach seinem fulminant absolvierten Studium wurde der 26jährige als Dozent für Tonsatz im Amsterdamer Konservatorium mit offenen Armen aufgenommen. Die Erfolge seiner frühen Kompositionen wurden jedoch schon zu dieser Zeit mit ihren "eigenartigen Klangkombinationen von negerartigen Jazzbands" von Herren mit hochgeschlagenen Mantelkragen argwöhnisch beobachtet...

Zum Zeitpunkt der Komposition der Duos und Trios kapitulierten die niederländischen Streitkräfte - und die abendländische Kultur. Vier Jahre Registrierungspflicht, Judenstern, Berufs- und Aufführungsverbote folgten, 1942 die Deportation. Ob Leo Smit noch seinen 43. Geburtstag am 10. Mai 1943 erlebt hat, ist ungewiß.

Eine Mischung aus Staunen und Entsetzen packte die Fachwelt, als 1990 ein Paket mit sechs Kompositionen des Gideon Klein wiedergefunden wurde. Bewundert wird seit dieser Zeit seien Phantasie und Souveränität - eine kraftvolle Synthese aus der rhythmischen Vitalität seines Landsmannes Janacek und der zweiten Wiener Schule. Seine Werke hatten einen Uraufführungsort und ein Premierenpublikum, das keinem Künstler der Welt zu wünschen ist: das KZ Theresienstadt. Glänzend hatte das Leben des aus Mähren stammenden Klein begonnen: Großartige Erfolge als Pianist, ein lockendes Stipendium in London - da marschierten die Nationalsozialisten in Prag ein. Als jüdischer Komponist schlug er sich bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt durch und erntete für seine Werke (hinter vorgehaltener Hand) großen Respekt. Klein, der heute 81 Jahre alt wäre, starb im Januar 1945 in Auschwitz. Kleins Ironie zeigt sich besonders im Divertimento, das auf KZ-Papier gekritzelt wurde: Ein nicht marschierbarer Marsch im 5/4-Takt läßt imaginäre Soldaten in Schlaglöcher treten.

Gerade der Biß der Satire ist es, der die Musik Erwin Schulhoffs heute aktuell und interessant macht. In Prag 1894 geboren, experimentierte Schulhoff im Laufe seines kurzen Lebens mit allen Strömungen der Avantgarde, darunter besonders mit dem Dadaismus und dem Jazz, bevor er 1942 in der Festung Wülzburg, als Jude und Kommunist interniert, verstarb.

Seine dadaistische Phase brachte mehrere herrlich widerspenstige Kompositionen hervor. Allein die Baßnachtigall für Kontrafagott solo ist den Besitz dieser CD bereits wert. In der Widmungsvorrede bemerkt er mit einem Seitenhieb auf die bürgerliche expressionistische Wichtigtuerei: "Der göttliche Funke kann wie in einer Leberwurst auch in einem Kontrafagott vorhanden sein." - Auch auf dieser CD... Schulhoffs Concertino für Flöte fand große Bewunderer: Kein geringerer als Béla Bartók lernte das volksmusikalisch inspirierte Werk 1925 in Donaueschingen kennen und lieben (an der Bratsche und am Cello saßen die Brüder Hindemith...)

Auch Paul Hindemith gehörte in die Reihe der "Entarteten".  Sein Kammermusikwerk ist vom Ensemble Villa Musica mit höchster internationaler Anerkennung dokumentiert. Daher ist besonders zu begrüßen, daß Dabringhaus und Grimm jetzt die erste vollständige Gesamtausgabe des Sonatenwerks in einer Box neu herausgibt: für jeden Sammler eine höchst willkommene Referenzeinspielung.

J. Thalmann

Aktuelle Einspielungen

Ensemble Villa Musica

Leo Smit:
Sextett/Quintett/Trio
MDG 304 0995-2

Erwin Schulhoff:
Wolkenpumpe/Baßnachtigall/
Divertissement/Concertino/
Flötensonate/Duo
MDG 304 0617-2

Gideon Klein:
Trio/Divertimento/Duo/
Klaviersonate/Streichquartett
MDG 304 0618-2

Paul Hindemith:
Sämtliche Sonaten
vol. 1-7
MDG 304 0690-2 (7 CD)

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Stand: 3. Mai 2006