Ein schillernder Urwaldvogel vom Amazonas

Als "schillernder Urwaldvogel vom Amazonas" bezeichnete er sich gerne selbst: Heitor Villa-Lobos (1887-1959), der berühmteste Komponist Brasiliens und eine der größten schöpferischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Der Umfang seines Schaffens ist geradezu gigantisch -  über tausend Werke sämtlicher Gattungen - und vielleicht nur mit dem von Darius Milhaud zu vergleichen, mit dem er übrigens eng befreundet war.

Auf jeden Fall hat er wohl als erster die Musik Lateinamerikas, deren Einflüsse sich überreich in seinem Werk finden, in die Konzertsäle der Welt gebracht. Sie definierte er geradezu die Rolle des Komponisten darin, dem Volke die Musik zu nehmen, sie in seinem Herzen und seiner Seele wirken zu lassen und sie anschließend demselben Volke wiederzugeben". Seine Zielsetzung war deutlich: Die nationale Musik sollte als rechtmäßig anerkannt, ihre Freiheit errungen werden - und all das diente der Erneuerung des brasilianischen Musikvokabulars. Die Zeit für diese Bestrebungen war günstig: In den zwanziger Jahren eroberte Villa-Lobos von Paris aus ganz Europa, und in seinem eigenen Land wurde er zu einer Art Mythos, in dessen Werken man den potentiellen Quell einer neuen Synthese, eines neuen Landes, einer neuen Wesenheit glaubte entdecken zu können. Insgesamt zwölf Sinfonien hat Villa-Lobos zwischen 1916 und 1957 geschrieben.

Demzufolge haben wir hier sehr unterschiedliche Werke vor uns, die das gesamte schöpferische Leben des Komponisten überspannen und die verschiedensten Phasen seiner künstlerischen Ansichten widerspiegeln.

Villa-Lobos hatte sicherlich eine Vorliebe für programmatische Inhalte und nur geringe Zuneigung zur sogenannten ,,absoluten" Musik. Was hat ihn also dazu veranlaßt, ein ganzes dutzend Werke jenes Genres zu schreiben, das ohne Frage nach Formbewußtsein sowie nach kunstvollen Durchführungs- und Instrumentationstechniken verlangt? Sicherlich war es gerade diese Herausforderung für den weitgehend autodidaktischen Komponisten, auf diesem Feld zu experimentieren und dabei vorzuführen, wie geschickt er mit einer der anspruchsvollsten und ,,belastetsten" Gattungen der westlichen Kunstmusik umzugehen verstand. Und wie er das konnte... Nennen wir es ruhig eine Sensation: cpo beginnt nun mit der ersten Gesamteinspielung dieses gewaltigen Werkkomplexes! Das SWR RadioSinfonieorchester Stuttgart unter dem jungen amerikanischen Stardirigenten Carl St.Glair hat sich dieser großen Aufgabe gestellt, und das Ergebnis wird nun für manche Überraschung sorgen. Ein bedeutender Sinfoniker ist zu entdecken. Den Beginn machen die Sinfonie Nr.1 ,,Das Unerwartete" von 1916 und Nr. 11 von 1955. Freuen Sie sich auf eine orchestrale Tour de force auf höchstem Niveau.

Burkhard Schmilgun

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Stand: 3. Mai 2006