Lebendige Legenden: Die BBC Legends - erlebte Musikgeschichte

Leopold Stockowski, Rudolf Kempe, Sir John Barbirolli, Sviatoslav Richter, das Amadeus Quartett... Legenden.jpg Sie alle gaben wegweisende Antworten auf die immer spannende Frage nach überzeugenden Interpretationen. Solche beglückend geglückten Aufführungs-Momente sind nur noch Erinnerung oder in Rundfunkarchiven aufgehoben. Unter dem Titel BBC Legends macht die erwürdige englische Rundfunkanstalt ihre verborgenen Schätze jetzt auch der deutschen Öffentlichkeit zugänglich. Aufnahmen von 1951 bis 1979 wurden ausgewählt und behutsam digital aufbereitet. 10 der insgesamt auf 40 Ausgaben angelegten Reihe liegen bereits vor.

"Wir wollen hier keinen Mahler" urteilte der Londoner Kritikerpapst Frank Howes Mitte der fünfziger Jahre in der Times, und er wußte sich ganz in der Tradition der englischen Rezeptionsgeschichte. Dann – 1959 – war alles anders. Am 20. März um 20 Uhr betrat der international noch wenig bekannte Dirigent Jascha Horenstein das Podium und wandte sich 756 Musikern in Chor, Orchester und als Solisten zu, um vor fast 6000 Zuhörern in der Royal Albert Hall das aufwendigste Werk der gesamten Konzertliteratur, Mahlers achte Sinfonie, zu dirigieren. Welch großer Erfolg! Die hörbare Wende in der Rezeptionsgeschichte Mahlers auf der Insel kann heute von jedem nachempfunden werden.

Der Mahler-Forscher Deryk Cooke nannte die Interpretation der dritten Sinfonie von Gustav Mahler durch Sir John Barbirolli mit dem Hallé Orchester 1969 "eine der besten Mahleraufführungen, die ich je gehört habe". Eine Aussage, die das Hörerlebnis sehr bestätigt. Barbirolli hatte sich in den letzten 16 Jahren seines Lebens, von 1954 bis 1970, intensiv mit Mahlers Sinfonien beschäftigt. Das informative Booklet gewährt einen kleinen Einblick in den Alltag großer Kunst: Immer wieder beklagte sich Barbirolli darüber, daß er selbst die besten britischen Streicher kaum dazu bewegen konnte, das völlig aus der Mode gekommene Portamento (den hörbaren Lagenwechsel) zu verwenden, das Mahler immer wieder vorschreibt. "Das ist nichts Unanständiges", versuchte er seine Musiker zu überzeugen: "und keine Sorge: Falls wir eine Strafe für Erregung öffentlichen Ärgernisses bekommen, werde ich sie bezahlen." Hören Sie selbst, ob man Barbirolli hätte zur Kasse bitten sollen...

George Enescu dirigierte 1951 eine Aufführung von Bachs h-moll-Messe für die BBC. Neben Suzanne Danco, Peter Pears und Bruce Boyce sang Kathleen Ferrier. Es ist auch für heutige originalklang-verwöhnte Ohren faszinierend, diesen saftigen legato-Streicherklang, den gut disponierten BBC-Chor und die hinreißend singende Kathleen Ferrier in einer mit großer Innenspannung und mit manchen überraschenden Momenten vorgetragenen Interpretation zu hören.

Ein Wort zur Technik: Natürlich können historische Aufnahmen nicht den Hochglanz heutiger Produktionen haben. Rundfunkbänder rauschen, da beißt auch die digitale Maus keinen Faden ab. Manches Dokument ist nur in Mono erhalten, und natürlich erinnern einzelne Huster und Geräusche daran, daß es Konzertmitschnitte sind. Die künstlerische Qualität, die Intensität der Interpretation wischt diese unumgänglichen Mängel mühelos beiseite.

Andererseits sind auch Aufnahmen von überraschender Räumlichkeit und Dynamik zu finden: Beethovens siebte Sinfonie zum Beispiel, die Leopold Stokowski 1963 in der Royal Albert Hall dirigierte. "Die zupackende Gangart und tänzerischen Rhythmen" oder die "klare Textur und das hinreißend schwungvolle Finale" begeisterten nicht nur seinerzeit Publikum und Kritik restlos. Ich verspreche Ihnen, daß auch Sie anders in ein Beethovenkonzert gehen werden, wenn Sie diese Aufnahme gehört haben.

Sviatoslav Richter war einer der ganz großen Pianisten seiner Generation. Sein Schubertspiel wurde der Bitterkeit, Einsamkeit und tiefen Verzweiflung. die dessen Musik über weite Strecken prägen, in höchstem Maße gerecht. Vielleicht lieg das daran, daß Richter als Autodidakt nicht in der deutschen Tradition aufgewachsen war. Immer noch galt Schubert als tonmalerischer, in erster Linie lyrischer Komponist. Dabei zeigen Schuberts Klaviersonaten unter einem reizvoll tönenden Blätterwerk ein sicheres Gespür für klar umrissene Strukturen und harmonische Entwicklungen, deren Höhepunkte durch verblüffende Modulationen unterstrichen werden. Richter machte das 1979 in einem Recital in London frappierend hörbar.

Die in englisch, deutsch und französisch beiliegenden Einführungen geben nicht nur interessante Informationen zu Werk und Interpretation, sondern erzählen oft sehr lebendig über die Umstände, unter denen die Aufnahmen entstanden sind. So war es keine leichte Aufgabe, den Pianisten Richter auf Tonträger zu bannen. Er verweigerte jede Einstellprobe der Aufnahmegeräte. Diese mußten mit einem anderen Pianisten gemacht werden. Der Aufnahmeleiter Misha Donat erinnerte sich, daß Richter zum Konzert erschien, spielte und wieder ging, ohne auch nur ein Wort mit ihm gesprochen zu haben...

Die BBC-Edition bietet die Chance, große Augenblicke der Musikinterpretation noch einmal zum eigenen Erlebnis werden zu lassen. Das machen Ihnen meine Stichproben höffentlich deutlich. Gehen Sie selbst auf Schatzsuche. Viel Vergnügen!

Andreas Schwabe

BBC Legends

Rudolf Kempe dirigiert
Brahms: Sinfonie Nr. 4 und Schubert: Sinfonie Nr. 5
BBCL 4003-2

Sir John Barbirolli dirigiert
Mahler: Sinfonie Nr. 3
BBCL 4004-7

Leopold Stokowski dirigiert
Britten: Young Person's Guide to the Orchestra, Beethoven: Sinfonie Nr. 7, de Falla: El amor Brujo
BBCL 4005-2

Pierre Monteux dirigiert
Berlioz: La damnation de Faust
BBCL 4006-7

Constantin Silvestri dirigiert
Tchaikovsky: Manfred Sinfonie, Respighi: Pini di Roma
BBCL 4007-2

George Enescu dirigiert
Bach: h-moll-Messe
BBCL 4008-7

Clifford Curzon und das Amadeus Quartett
Brahms: Quintett, Schubert: Forellenquintett
BBCL 4009-2

Sviatoslav Richter spielt
Schubert: Sonaten D 575, D 625, D 664 und Moment musical D 780
BBCL 4010-2

BBC Legends im Vertrieb von Musikwelt Tonträger, Münster

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Stand: 3. Mai 2006