Schon mit Bach arrangiert

Original? Originell?? Die Musik des Thomaskantors scheint für jede Instrumentengattung eine große Herausforderung zu sein. Brauchen wir heute, da die CD-Kataloge alle Originalversionen (mehrfach) bereithalten, auch noch Arrangements der großen Bachwerke? Tatsächlich gibt es im Schatten der Großeditionen zum Bachjahr lohnende Besonderheiten, die das ,,Bachwerkeverzeichnis" und die heimische CD-Sammlung um manche Klangraffinesse bereichern.

Einer der größten Arrangeure war der Thomaskantors übrigens selbst. Bekannt sind seine Orgelübertragungen von Vivaldis Konzerten, die der italienische Virtuose Alessio Corti auf der CD "Bach. I Concerti per Organo" zusammengefaßt hat (Antes). Gerne adaptierte der Meister auch eigene Werke, um dem ständigen Bedarf an (neuen) Kantaten gerecht zu werden - wie wir heute wissen, gibt es für nahezu alle Teile der berühmten h-moll-Messe Vorlagen in anderen Kompositionen (das ,,et in unum" ist ursprünglich mit dem weltlichen Text ,,Du bist meine - ich bin deine" unterlegt!).

In barocken Zitaten war es kein Sakrileg, "Mein und Dein" musikalisch zu verwechseln: Musik war zur einmaligen Aufführung bestimmt -  warum sollten gute Einfälle (auch von anderen) nicht in neuen Werken wieder erklingen? Einen hochinteressanten Einblick in die damalige Praxis bietet das Weimarer Barockensemble mit der CD ,,Weimarer Transkriptionen" (THOROFON) auf der Cembalo- und Orgelbearbeitungen und ihre originalen Instrumentalkonzert-Vorlagen musiziert werden. Andererseits gehörte Bach zu Lebzeiten schon zu den Alten: Längst hatten seine Söhne und Schüler den ,,empfindsamen Stil" entwickelt, und die Klassik ließ den Bachstil allenfalls in Notenregalen verstauben. Immerhin versuchte Mozart, einige Bachwerke auf das damals moderne Streichtrio und -quartett zu übertragen, eine spannende Alternative, die das Quartetto Elisa erstmals einspielte (Antes).

Erst 1829 leitete Mendelssohn mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion eine rasante Bachrenaissance ein. Fast alle großen Romantiker beschäftigten sich fortan intensiv mit B-A-C-H und adaptierten die Musik in ihre neuartige Klangwelt. Sehr interessant ist die fast vergessene Anpassung der ,,Sechs Sonaten für Violine Solo mit hinzugefügter Begleitung des Pianoforte" von Robert Schumann - vorgelegt in einer MDG-Einspielung, die zurecht größte internationale Empfehlungen erhielt. Unter den Händen des Klavierduos Trenkner-Speidel geraten die ,,Brandenburgischen Konzerte für Pianoforte zu vier Händen bearbeitet von Max Reger" zu einer packenden Hörerfahrung. Dabei entfaltet der Steinway-Konzertflügel von 1901 eine authentische und überraschend orchestrale Klangopulenz.

Reger, einer der glühendsten Verehrer des Thomaskantors, gab auch zahlreichen Klavierkompositionen die großen organistischen Weihen. Er arrangierte Toccaten, Fantasien, Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers. Zu den ursprünglich zweistimmigen Inventionen komponierte er eine freie dritte Stimme und schuf damit die nahezu unspielbare ,,Schule des Triospiels". Rosalinde Haas, ,,das Inferno auf der Orgel" (SZ), garantiert auf ihrer Einspielung mehr als zwei Stunden größter Hörfaszination.

Mit Käte van Tricht hat MDG ein weiteres Dokument der Bachtradition aufgelegt: Karl Straube, einer der berühmtesten romantischen Orgelvirtuosen, hat Bachs Orgelwerke in Dynamik, Registrierung, Agogik, Phrasierung, Tempo und Artikulation akribisch und einfühlsam ergänzt. Die an der großen romantischen Sauer-Orgel des Bremer Doms mit glutvoller Virtuosität digital in Klang gesetzte Einspielung ist ,,geradezu ein Orgelfest" (Musica Sacra). Von ihrer anderen Seite zeigt sich Käte van Tricht bei der Einspielung der ,,Goldbergvariationen", für die sie die vielen Farbmöglichkeiten der barocken van-Vulpen-Orgel im Bremer Dom nutzt.

Die ,,Goldbergvariationen" zählen zu den bedeutendsten Variationszyklen der Musikgeschichte. Daher wundert es nicht, daß sich viele Interpreten um die Ausdeutung kümmern. Gleich zwei Streichtrios (Trio Sitkovetsky, Caussé, Maisky bei ORFEO) bieten eine überzeugende kammermusikalische Version, wobei das Gaede Trio mit über 90 spannenden Minuten inklusive aller Wiederholungen sogar eine Doppel-CD beansprucht (TACET).

Stefan Hussong präsentiert den Zyklus virtuos auf dem Einzeltonakkordeon (THOROFON), und Agnes Szakály und Rósa Farkas (HUNGAROTON) beweisen, daß auch die Wiedergabe auf zwei Hackbrettern musikalisch keine Spielerei ist.

Wenn Bach für sein opus absolutum, die Kunst der Fuge, keine Besetzung festlegte: Warum nicht eine Darstellung mit vier Saxophonen? Die bei CPO erschienene Einspielung ist klangschön und absolut faszinierend musiziert vom Berliner Saxophonquartett und lohnt einen Abstecher zur neu erfundenen Instrumentengattung.

Bachs Lautenwerke fanden längst ihren Platz in den Programmen der Gitarristen. Besonders schön klingt Frank Bungartens Version der drei Sonaten für Violine Solo, erstmals in den originalen Tonarten eingespielt auf der Konzertgitarre (MDG).

Als "Weltersteinspielung auf dem Kontrabaß" präsentiert Richard Hartshorne eine extravagante 3 CD-Box der 6 Suiten für Violoncello (CENTAUR). Der Künstler erläutert fachkundig, wie er die fast ausschließlich unterhalb des Griffbretts befindlichen Töne greifbar und klingend macht. - Speziell für Tieftöner...

Eine "moderne" Bach-CD möchte ich am Schluß vorstellen. Das Thomas-Gabriel-Trio (Konzertflügel, Akustikbaß und Schlagzeug) präsentiert mit Bach-Jazz (MDG) eine Einspielung, die einen ebenso lustvollunterhaltsamen wie intelligenten Umgang mit den Bachschen Vorlagen präsentiert. Trotz aller Freiheiten werden die Originale nie in der musikalischen Substanz angetastet, und: Es macht einfach Spaß, den dreien zuzuhören!

Joachim Thalmann

Auswahldiskographie
J. S. Bach

I Concerti per Organo
Alessio Corti, Orgel
ANTES BM 901008

Weimarer Transkriptionen
Cembalo- und Orgelbearbeitungen und ihre originalen Vorlagen
THOROFON CTH 2371/7
2

Bachbearbeitungen von Mozart
Quartetto Elisa
ANTES BM 961037

6 Sonaten BWV 1001-1006 mit hinzugefügter Begleitung des Pianoforte von Schumann
Benjamin Schmid, Violine
Lisa Smirnova, Klavier
MDG 333 0614-2

Brandenburgische Konzerte arr. von Max Reger
Klavierduo Trenkner-Speidel
MDG 330 0635-2

Reger: Sämtliche Bach-Orgelbearbeitungen
Fantasien, Inventionen, Toccaten
Schule des Triospiels
Rosalinde Haas, Orgel
MDG 315 0484-2

Orgelwerke Straube-Edition
Käte van Tricht, Orgel
MDG 318 0241-2

Goldbergvariationen
1. Käte van Tricht, Orgel
MDG 318 0386-2
2. Stefan Hussong, Akkordeon
THOROFON CTH 2047
3. Trio Sitkovetsky, Caussé, Maisky
ORFEO C 138 851 A
4. Gaede-Trio
TACET 70
5. Agnes Szakály, Rósa Farkas, Hackbrett
HUNGAROTON 31764

Die Kunst der Fuge
Berliner Saxophonquartett
CPO 999 058-2

3 Sonaten für Violine solo
Frank Bungarten, Gitarre
MDG 305 0306-2

6 Suiten BWV 1007-1012
Richard Hartshorne, Kontrabaß
CENTAUR 2348

Bach-Jazz
Thomas Gabriel Trio
MDG 610 0916-2

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Stand: 3. Mai 2006